„Niemand hat irgendjemanden zu steinigen, selbst wenn irgendjemand ‚Huffington Post‘ sagt!“

Ich habe mich lange zurück gehalten, aber jetzt muss es raus: Es ist unfassbar, mit welcher Scheinheiligkeit in Deutschland derzeit gegen die Huffington Post gewettert wird. Die deutsche Ausgabe ist noch gar nicht da, aber schon ist alles schlecht – und gleichzeitig eine Bedrohung für das Abendblatt. Schrieb ich Abendblatt? Ich meinte Abendland, aber netter Vertipper.

Los ging es mit Springer Vorstand Döpfner. Der bezeichnete die HuffPo als „Anti-Geschäftsmodell für Journalismus“. In Lobbyarbeit und Anwälte investieren, um gegen Google (Leistungsschutzrecht) und Öffentlich-Rechtliche (tagesschau-App) zu kämpfen, ist demnach jedoch ein Geschäftsmodell? Ich glaube nicht. Auf jeden Fall ist es zumindest Anti-Journalismus, wenn man journalistische Angebote anderer des eigenen Profits wegen vom Markt nehmen lassen will.

Weiter ging es einige Zeit später mit einer Pressemitteilung des BDZV (Bund deutscher Zeitungsverleger). Darin war zu lesen:

„Die deutschen Zeitungsverleger sehen den bevorstehenden Markteintritt der „Huffington Post“ kritisch. Das Projekt sei vergleichbar mit dem Start einer Gratiszeitung und damit ein Angriff auf alle Versuche von Verlagen, Bezahlmodelle für digitale publizistische Angebote zu entwickeln, erklärte der Vize-Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und Vorstand Welt-Gruppe und Technik der Axel Springer AG, Jan Bayer“

Mit anderen Worten: Die Zeitungen, die nahezu alle mit Gratisangeboten im Web gestartet sind, glauben nun keine Bezahlinhalte anbieten zu können, weil eine weitere kostenlose Newsseite nach Deutschland kommt? Das spricht eher für Verzweiflung! Man könnte nun freilich nachzählen, wie viele Anzeigenblätter die BDZV-Mitglieder zusammen herausgeben, aber das ist gar nicht nötig.

Apropos „Gratiszeitung“. Das Handelsblatt berichtet diese Woche, dass Tomorrow Focus die Huffington Post nur „auf Sparflamme“ betreiben wolle. Da kennt sich der Verlag ja seit der Übernahme von Meedia bestens mit aus. Im Text schafft es Autor Hans-Peter Siebenhaar ganze vier Mal das Wort „Gratiszeitung“ einzubauen, davon nur einmal im Rahmen des hier bereits genannten BDZV-Zitats. Die andren drei Verwendungen liegen direkt beim Autor. Die Huffington Post steht demnach übrigens auch im „Gegensatz zu professionellen Informationsportalen“. Sicher solchen wie dem Handelsblatt, wo man Meinung und Fakten klar trennt. Deshalb liest man dort auch ständig von der „Online-Gratiszeitung“ Spiegel Online, dem „Online-Gratisangebot“ FAZ.net und dem „Umsonst-Newsletter“ von Garbor Steingart.

Ein weiteres Zitat kann ich nicht zurückhalten: „Die Heerscharen von Mitarbeitern, die für geringe Honorare oder umsonst Inhalte liefern, haben Arianna Huffington, Amerikanerin griechischer Herkunft, zur Multimillionärin gemacht.“ Ich bin mir sicher, die Herren Verleger in Düsseldorf verdienen genauso viel wie die Leute, die gerade neu eingestellt werden. Laut Stellenportal des Verlags werden acht normale Stellen, drei Aushilfen und 18(!) Praktikanten gesucht. Und was der Hinweis auf die griechische Herkunft soll, ist vermutlich auch nur mit einer gewissen Portion Euro-Abneigung zu erklären.

Die HuffPo-Kritiker sollten erst einmal vor der eigenen Haustür aufräumen. Klar, es ist nicht alles rosig bei der Huffington Post. Über vieles kann man sicher kritisch diskutieren. Und ja, es ist leicht, sich über die Stellenausschreibungen lustig zu machen. Aber immerhin sucht hier überhaupt jemand ausgebildete Journalisten (und nicht nur Gratisblogger), während anderswo häufig vorwiegend gespart wird.

Vielleicht investiert Tomorrow Focus halbherzig und zögerlich, auch darüber kann man streiten. Über das Für- und Wider des Geschäftsmodells kann man gerne und ausgiebig diskutieren. Über den Stellenwert und die Rolle eines Autors bzw. Redakteurs, sollte man das ohnehin tun. Das ist es, was Medienjournalismus und auch die Journalismus- und Verlegerverbände leisten sollten. Der Reflex, sich erst einmal zu empören hingegen, den halte ich für reichlich unangemessen, um der „Medienkrise“ etwas entgegenzusetzen.

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