Die Grammatik des Aufschrei

Seit ich vergangenen Freitag über #aufschrei geschrieben habe, denke ich viel über das Thema nach. Ich habe zur generellen Debatte viele Artikel gelesen, viele Blogposts, aber auch eine ganze Reihe an Artikeln in Zeitungen bzw. auf deren Online-Angeboten. Dankbar bin ich vor allem den vielen Frauen, die in den letzten Tagen Texte geschrieben haben, die daran erinnerten, dass es kein schwarz-weiß in dieser Debatte geben kann. Die betonten, dass man miteinander, statt übereinander reden muss. Die deutlich machten, dass Grenzen, die auf subjektiven Empfinden beruhen, nach Situation und Person variieren können.

Es gibt keine reinen Opfer. Es gibt keine reinen Täter. Und es ist auch falsch vereinfachend, wenn man fordert, die Gesellschaft müsse sich ändern. Denn die Gesellschaft ist kein eigenständiges Wesen, sondern ein komplexes System, das sich durch die Summe all unserer individuellen Einzeltaten ergibt. Wir sind die Gesellschaft, wenngleich die Gesellschaft in komplizierter Art und Weise wiederum eine Wechselwirkung auf individuelles Handeln hat.

Die Fragen, die viele – die schiere Zahl an Blogbeiträgen und #aufschrei-Tweets zeigt es – behandelt und diskutiert wissen wollen, sind nicht einfach. Sexismus hat mit Machtfragen zu tun. Feminismus ebenso. Gesellschaftliche Stellung, Einfluss, Ansehen und die Intimsphäre kollidieren. Wer sich auf die Diskussion wirklich einlässt, lässt sich darauf ein, in diesen Punkten angegriffen und verletzt zu werden.

In den vergangenen Tagen musste ich mehrfach an eine Situation aus meiner Schulzeit denken, auch wenn sie nichts mit Sexismus zu tun hat. Ich war verwickelt in eine Auseinandersetzung, wie es wohl täglich unzählige an deutschen Schulen gibt. Es gab böse Worte von Lehrern, einige Mitschüler standen naturgemäß auf der anderen Seite. Das tat alles weh. Doch was mich am meisten verletzte und was ich wohl auch nie vergessen werde, ist dass ich in einer Situation, in der ich etwas zur Lösung des Konflikts beitragen wollte, doch allen Ernstes von meiner Lehrerein hörte: „Du darfst nicht vergessen, du bist hier Täter, nicht das Opfer.“

Ich habe noch keinen Spruch gehört, der so ungeeignet ist, irgendwelche Konflikte zu lösen.

An vielen Stellen wird gesagt, man müsse mehr miteinander reden. So richtig das auch ist, so sehr glaube ich, dass ausgerechnet unsere Sprache uns dabei einen Strich durch die Rechnung macht. Wenn wir uns fragen, weshalb Debatten so selten brauchbare Ergebnisse abwerfen, lohnt ein Blick auf die altehrwürdigen Sprachwissenschaftler. Man lese Whorf, Leibnitz.

Subjekt –Prädikat – Objekt. So funktioniert unsere Sprache – und mit ihr unsere Gedanken. Oder anders ausgedrückt: Täter – Tat – Opfer. Unsere Sprache ist kausal, stringent, rundenbasiert. Sie hat keine Wechselwirkung. So funktioniert ein Flipper, aber keine Gesellschaft.

Wir müssen eine neue Form der Sprache nutzen, wenn wir Probleme lösen wollen, an denen wir beteiligt sind. Denn sonst werden wir immer in irgendeiner Situation innerhalb der Debatte der Täter sein oder uns droht, dass wir es sind. Und dann verteidigen wir uns. Debatten werden deshalb schnell von Eigeninteressen gelenkt. Man belauert sich, statt aufeinander zuzugehen. Glücklicher Weise gibt es diese Sprache. Bevor ich darauf komme, jedoch zunächst noch ein anderer Gedanke:

Die Situation rund um #aufschrei erinnert mich nämlich an eine andere gesellschaftliche Großdebatte: die Situation rund um das Buch von Thilo Sarrazin. Augenscheinlich haben beide Themen nicht viel miteinander zu tun. Wo die Parallele ist, will ich erklären.

Damals wie heute fuhr ich viel mit dem öffentlichen Nahverkehr. Der Unterschied: Damals hatte ich zur Arbeit meist einen Deutschland-Rucksack dabei. Während der Sarrazin-Zeit habe ich mich damit sehr unwohl gefühlt. Ständig hatte ich den Verdacht, dass jemand mit ausländischen Wurzeln den Verdacht haben könnte, ich wolle damit etwas ausländerfeindliches zum Ausdruck bringen. Der Verdacht eines Verdachtes, der das Handeln bestimmt.

Wie eingangs erwähnt, denke ich zur Zeit viel über #aufschrei nach. Wenn ich mich in der Bahn neben eine Frau statt neben einem Mann setze – was denkt die Person? Und schon gibt es den Verdacht, dass es den Verdacht geben könnte, ich wolle damit etwas bezwecken. Jeder Blick, jede Handlung – sie wird zum Verdacht eines Verdachtes.

Nun könnte man behaupten, dass wenn jemand aus Angst, etwas könnte ausländerfeindlich, respektive sexistisch rüberkommen und deshalb kränken, diese Handlung unterlässt, würde es auch weniger unbeabsichtigte(!) Konflikte geben. Aber der Antrieb dahinter wäre kein guter. Es wäre Angst und es wäre eine Beschneidung von Freiheit. Jeder der glaubt, die Gesellschaft durch das Reduzieren von Freiheiten verbessern zu können, bewegt sich auf Glatteis.

Wir wollen – zu Recht – unsere Freiheiten nicht beschneiden lassen. Also wehren wir uns. Und wieder gibt es Opfer uns Täter, Hass statt Lösungen. Die Sarrazin-Debatte hat für viel Streit und erhitze Gemüter gesorgt – aber hat sie uns voran gebracht?

Wenn wir die Gesellschaft, wenn wir Menschen ändern wollen, müssen wir mit ihnen reden, ohne dass sie Angst haben müssen, als Täter dargestellt zu werden und in Folge dessen als Verlierer aus der Debatte zu gehen. Das geht nur, indem wir nicht über uns selbst reden. Wir müssen Geschichten erzählen. Gute Geschichten sind die Sprache, die wir benötigen.

Gute Geschichten, mit tiefgründigen Charakteren, die nie nur Opfer, nie nur Täter sind. Ich habe immer gerne Dr. House gesehen und auch nach Ende der Serie kann man noch immer nicht sagen, ob dieser Charakter ein guter oder ein schlechter Mensch war. Und dennoch konnte man viel für sich selbst mitnehmen.

Literatur, Theater, Musik, Film. Hier können wir andere unsere Fehler begehen lassen und an ihnen erkennen, dass wir es besser machen wollen. Catharsis nannte man das früher. Wahre Veränderung von Menschen und damit langsam aber sicher auch von Gesellschaften passiert immer aus der eigenen Erkenntnis. Zu dieser muss jeder Mensch selbst gelangen – und das wird er nur selten, wenn er dafür einen Schutzpanzer durchdringen muss, den er automatisch aufbaut, wenn man ihn in Rechtfertigungsdruck bringt.

Klar: Diese Sprache zu nutzen ist ein langwieriger Prozess. Die Aufklärung war eine Epoche, kein Tweet.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Gesellschaftliche Debatten haben leider an sich, dass sie meistens Oberflächlich geführt werden. Weil die meisten Menschen Oberflächlich sind. Aber mit ein Bischen Glück sickert dann doch etwas Quitessenz in die Gehirne 😉

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