Sechs Thesen zum Sport in 2024

Schon seit einiger Zeit mache ich mir Gedanken zum Zukunft des Sports in Deutschland, insbesondere freilich der Leichtathletik. In den letzten Monaten hat sich dies noch einmal intensiviert rund um das Votum zu Olympia in Hamburg und dessen Ablehnung. Mit Elbmelancholie legen wir 2016 einen besonderen Fokus auf den Zustand des Sports in Hamburg, was mich zuletzt zum Beispiel erstmals zum Judo führte. Ein Highlight, auf das ich mich sehr freue, wird unsere Diskussionsrunde zu Sportsponsoring auf der Social Media Week sein, die ich moderiere und zu der ich an dieser Stelle noch einmal herzlich einladen möchte.

Die Gespräche, die ich an verschiedener Stelle mit Trainingskollegen, anderen Sportjournalisten, Olympia-Kritikern, Sportfunktionären und Vereinsgründern geführt habe, haben zur Konkretisierung von einigen Annahmen, Befürchtungen und auch möglichen Chancen geführt. Diese möchte ich an dieser Stelle zur weiteren Diskussion stellen, in Form von sechs Thesen zum Sport in Deutschland, sagen wir im Olympiajahr 2024.

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1. Sportberichterstattung wird entsynchronisiert

Viele Sportarten finden im TV kaum noch statt. Andere Sportarten splitten ihre TV-Rechte zunehmend auf. Athleten, Mannschaften und Verbände, die sich und ihren Sport vermarkten wollen, nutzen zunehmend professionell das Internet. Hier bieten sich auch Raum und Chancen für spezialisierte Medienangebote. Die Folge: Der Zugang zur jeweiligen Sportberichterstattung wird vielfältiger. Statt, dass Sportfreunde gleichzeitig und identisch aufbereitet ihre Informationen über die ARD oder die Tageszeitung bekommen, erhält der Eine Sie über den Facebook-Account des einen Sportlers, während der Andere sie vielleicht unkommentiert im Livestream sah und wieder ein Weiterer den Bericht des Verbandsmediums liest.
Vorteil: Die Berichterstattung ist oftmals vielfältiger, schneller und spezialisierter
Nachteil: Es gibt mehr durch Sponsoren, Verbände oder die Sportler selbst zurechtgebogene PR

2. Wir werden vollprivatisierte Meisterschaften erleben

Die Profiligen in den vermarktungsrelevaten Sportarten wurden meist bereits (teil)privatisiert, so zum Beispiel die Fußball-Bundesliga, die mittlerweile nicht mehr direkt vom DFB, sondern der DFL betrieben wird. Gleichzeitig erleben wir, wie es in demokratischen Staaten zunehmend schwierig wird, Großveranstaltungen durchzuführen. Olympia wird staatlich organisiert in Deutschland innerhalb dieser Generation wohl nicht mehr stattfinden. Kleinere Sportarten tun sich schwer, ihre Wettkämpfe und Vereine zu finanzieren. Ich halte es daher für realistisch, dass reiche Einzelpersonen oder Unternehmen in Zukunft nicht nur Vereine wie den HSV Handball oder RB Leipzig aufbauen, sondern sich stattdessen oder zusätzlich womöglich auch als „Retter“ oder „Pusher“ von ganzen Sportarten auftun. Wer sagt, dass nicht zum Beispiel ein Ausrüster irgendwo in Deutschland eine Sporthalle bauen lässt und unter großem Marketing-Einsatz jährlich die Turn-DM durchführt? Bis 2024 könnte der Trend sogar noch mehr anwachsen: 12 Milliarden hätte Olympia in Hamburg angeblich gekostet. Das sind Summen, die auch einige Unternehmen aufbringen können. Was wenn VW sagt: Wir bezahlen Olympia in Wolfsburg?
Vorteil: Es fließt Geld in den Sport, wo sonst keines fließen würde
Nachteil: Wie das genannte Beispiel HSV Handball zeigt, macht man sich schnell abhängig. Zudem würde die Kommerzialisierung womöglich einigen den Spaß nehmen. In Portugals zweiter Fußball-Liga muss künftig etwa in den Team ein Chinese im Aufgebot stehen – Auflage des Sponsors

3. Wir werden multiple Meistertitel erleben

Diese These schließt zum Teil an den eben genannten Punkt an. So wird es bis 2024 in vielen Sportarten konkurrierende Saisonhöhepunkte geben. In einigen ist das jetzt schon der Fall: Was wiegt mehr: Die Champions League oder die Fußball-EM? Die Tour de France oder das Olympische Radrennen? Aber es wird auch ganz klassische Meistertitel geben, die mehrfach vergeben werden. Im Boxen etwa gibt es das bereits jetzt, wo es konkurrierende Verbände gibt. Korruption und Unwillen auf veränderte Umstände zu reagieren, womöglich auch Widerstand, die eben ausgeführte Privatisierung mitzugehen, wird in einigen Fällen dafür sorgen, dass es neue Sportverbände geben wird. Einige Trendsportarten sehen sich zudem nicht in der klassischen Verbandsstruktur zuhause. In der Leichtathletik rumort es bereits länger in der Straßenläufer-Szene, die sich im DLV nicht entsprechend gewürdigt sieht. Ich glaube, in einigen Sportarten werden 2024 mehrere Verbände Meisterschaften austragen. Es wird Diskussionen geben, wer der wirkliche Deutsche Meister ist und wie der DOSB mit der Situation umgehen soll.
Vorteil: Neue Verbände können Innovationstreiber sein und verkurstete Strukturen aufbrechen
Nachteil: Es wird noch mehr Streit und Diskussionen auf Funktionärsebene geben. Die besten Athleten treten womöglich gar nicht gegeneinander an

4. Deutschland wird im Medaillenspiegel aus den Top 10 fallen

Auch wenn die Handballer gerade eine tolle EM spielen fällt auf, wie viele Mannschaften sich nicht für Olympia qualifizieren konnten. Hinzu kommt: Das Stück vom Kuchen, dass der Fußball in Deutschland von Aufmerksamkeit und Geld abbekommt, wird immer größer. Und wenn man mit Athleten spricht, sagen die häufig: Die Anerkennung, die Leistungssportler in anderen Ländern erhalten, ist deutlich größer als in Deutschland. Während die Sportförderung gerade in den Schwellenländern mit wachsender Wirtschaftsleistung ausgebaut wird und so ein Vorsprung Deutschlands aufgeholt wird, setzt Deutschland zunehmend seinen Fokus auf andere Themen als den Leistungssport: Längere Schulzeiten pro Tag. Spaß- und Fitness-Sport. Spitzenförderung soll, so ist es zum Beispiel in Hamburg zu hören, künftig tendenziell nur noch in wenigen, ausgewählten Schwerpunkt-Sportarten betrieben werden. Die Folge: In einigen Sportarten wird Deutschland weiterhin Weltspitze sein, in anderen jedoch im internationalem Vergleich nicht mehr mitspielen.
Vorteil: Zweifelsohne spart man Geld, wenn man sich auf Schwerpunkte konzentriert
Nachteil: Deutschland löst sich vom Anspruch auch sportlich die freie Entfaltung zu ermöglichen

5. Der Nachwuchs wird vom Land kommen

Mit Finanzkraft ausgestattete Profiteams werden aller Voraussicht nach vor allen in Großstädten angesiedelt sein. Hier sitzen die Sponsoren oder sehen mit „ihrem Team“ Vermarktungspotential. Auch Kooperationen mit Arbeitgebern oder Universitäten sind hier möglich. Solche Teams werden sich aber wenig auf die eigentliche Nachwuchsarbeit konzentrieren, sondern bereits vorausgebildete Talente anwerben. Der Breitensport auf der anderen Seite wird zunehmend außerhalb der klassischen Strukturen autonom unterwegs sein – mit Fitness-Apps, in Hobbygruppen oder Fitness-Studios – und dabei der Leistungssichtung und wettkampforientiertem Training entgehen und als Basis für Sportvereine fehlen. Klassische Vereine und ehrenamtliche Trainer werden aber auch 2024 noch die Basis für die Schülerarbeit bilden. Sie wird es dann jedoch fast nur noch im ländlichen Raum geben, wo kommerzielle Strukturen sich nicht lohnen und neuere Formate des Sporttreibens weniger verbreitet und weniger profitabel sind. Die Folge: Die Topathleten in 2024 werden überwiegend eine Vita haben, in der Sie von ehrenamtlichen Trainern in ländlichen Vereinen entdeckt und aufgebaut wurden und dann in kommerziellen Profizentren in den Ballungszentren zu Topathleten geformt wurden.
Vorteil: Es gibt eine klare Struktur der Förderung
Nachteil: Stadtkinder, Quereinsteiger und Spätentwickler fallen durchs Raster. Kleine Vereine haben kaum Aufstiegsmöglichkeiten

6. Die Sozialausgaben werden „unerwartet“ steigen

Dieser Punkt schließt an den vorherigen an. Wir werden erleben, dass Sportvereine zunehmend zu Sportbetriebs-Unternehmen werden. Wenn der Leistungssport in kommerziellen Profibetrieben stattfindet und der Breitensport außerhalb von Vereins- und Verbandsstrukturen, entfällt die integrative Leistung, die Sportvereine schon immer geleistet haben. Wie durch den Bedeutungsverlust der Kirche werden auch durch den Bedeutungsverlust der Sportvereine einige Aufgaben anderen überlassen, vorrangig dem Staat: Pflege und Instandhaltung von Sportstätten, Kinder- und Jugendbetreuung, Integration, kultureller Austausch, Jugendfreizeiten. Und das wird „überraschend“ Geld kosten.
Vorteil: Der Sport konzentriert sich auf den Sport
Nachteil: Der Sport war in diesen außersportlichen Dingen meist besser als der Staat

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