Europa ist wieder grenz-debil

Den folgenden Beitrag postete ich gestern auf Twitter und Facebook:

Er wurde mehrfach geteilt, beziehungsweise geliked. Das macht mich froh, denn es zeigt mir, dass ich nicht als Einziger so denke. Oder genauer: Dass ich nicht als Einzige mit Missfallen beobachte, was seit einigen Monaten in Europa passiert. Erst bricht mit Anlauf ein Krieg in einem Land aus, das vor kurzem noch eine Fußball-EM ausgetragen hat. Der Ost-West-Konflikt gab sein Comeback. Im Ringen um Griechenland war selbst für die Regierung unserer „Alternativlos-Kanzlerin“ ein Zurück zur nationalen Währung eine Alternative. Es brachen Konflikte innerhalb der EU auf, es schien, als machte jeder sein Ding. Und während die Politik und auch die Medien um Milliarden schacherten, versäumten sie, dass mit den vielen Flüchtlingen eine noch viel größere Herausforderung auf unsere Gemeinschaft zukam. Und nun gibt es in Europa wieder Grenzkontrollen. Weil die Politik versagt hat und weil sie in so etwas kein No-Go sieht.

Im Sommer wurde Griechenland einmal mehr ein Sparprogramm aufgebrummt. Man habe über die Verhältnisse gelebt, schreit der deutsche Stammtisch. Oder anders gesagt: Man gestattet Griechenland und anderen Ländern nicht den gleichen Lebensstandard zu haben, wie Deutschland, obwohl die meisten in Deutschland persönlich herzhaft wenig eigenen Anteil am Wohlstand des (im übrigen hoch verschuldeten) Staates haben. Und nun wundert sich der gleiche Stammtisch, dass die Flüchtlinge „alle nach Deutschland“ wollen. Na, wohin denn sonst? Wenn ich meine Heimat eh verlassen muss, dann macht es keinen Unterschied, ob ich 3000 oder 6000 Kilometer weit weg ziehe. Natürlich wähle ich einen Ort, der möglichst gut ist. Das sind Deutschland, Großbritannien, Schweden, Frankreich. Oder anders gesagt: Nur wenn wir es Ungarn oder Griechenland ermöglichen, unsere Lebensverhältnisse zu haben, sind diese Staaten für Flüchtlinge so interessant wie Deutschland.

Wo ich auf diesem Bild von 2010 sitze, stand mal die Berliner Mauer.  Sie wurde (von der DDR) errichtet, um Menschen davon abzuhalten, in die Bundesrepublik Deutschland zu flüchten.

Wo ich auf diesem Bild von 2010 sitze, stand mal die Berliner Mauer. Sie wurde (von der DDR) errichtet, um Menschen davon abzuhalten, in die Bundesrepublik Deutschland zu flüchten.

Und machen wir uns nichts vor: Die Grenzkontrollen können, wenn sich die Politik nicht ändert, so schnell nicht wieder weichen. Selbst wenn die einzelnen Staaten entgegen aller Wahrscheinlichkeit Verteilungsquoten vereinbaren, halten diese allein niemanden ab, innerhalb der EU zu vereisen. Bedeutet: Die Freizügigkeit der Flüchtlinge müsste dauerhaft beschränkt und kontrolliert werden. Sie hätten damit übrigens weniger Rechte als andere Menschen in der EU.

Die Politik sieht im Zurück zum Nationalstaat kein No-Go und das ist das Erschreckende für mich. Für mich ist es unvorstellbar, künftig wieder Geld wechseln zu müssen. Es ist unvorstellbar, bei einem Grenzübertritt nach Österreich oder in die Niederlande mich wieder ausweisen zu müssen, an der Grenze womöglich in einem langen Stau zu stehen. Das sind einfach so unfassbare Rückschritte in Dingen, von denen ich dachte, man habe sie hinter sich gelassen.

Vielleicht sind unsere Politiker einfach zu alt. Sie legen diese sorglose „früher ging es doch auch ohne“-Mentalität an den Tag, die man sonst von seinen Eltern kennt, wenn an sich beklagt, dass das Smartphone kaputt sei. Doch dann repariert man es oder holt ein neues, meist besseres. Man sagt nicht: „Ja, ist kaputt, dann eben fortan wieder ohne“. Die „früher ging es doch auch ohne“-Mentalität in der Politik, die zur Folge hat, dass das Zurückdrehen der europäischen Einigung für unsere Politiker kein unverhandelbares No-Go ist, liegt für mich in beängstigender Nähe zur „es war nicht alles schlecht an der DDR / im Dritten Reich“-Mentalität. Und sie lässt mich mit Schauer fragen, was als nächstes geopfert wird. Eins scheint klar: Sicher und unverhandelbar ist nichts mehr. Es sei denn, wir kämpfen für es – als europäische Zivilgesellschaft und als Menschen, für die auch „Früher“ schon gemeinsame Währung und keine Grenzkontrollen bedeutet.

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