Der Sportjournalismus trägt Mitschuld an der Doping-Problematik

Der Sportjournalismus trägt Mitschuld an der Doping-Problematik in vielen Sportarten. Als Sportler und Journalist ist diese Überzeugung in den vergangenen Wochen in mir gewachsen. Freilich gilt dies, wie so vieles, nicht für alle Beteiligten im Sportjournalismus. Als Disziplin muss sich dieser Fachbereich aber stark hinterfragen, vor allem, wenn er wirklich der Bezeichnung „Journalismus“ gerecht werden will. Was meine ich damit?

Die aktuellen Recherchen und Berichte von Hajo Seppelt und seinen Kollegen der ARD-Dopingredaktion zeigen, wie verbreitet offenbar Doping in der Spitzen-Leichtathletik ist. Und: Sie zeigen, wie weit Verbandsvertreter darin verwickelt sind und dass offenbar auch der Weltverband IAAF weitaus mehr über Doping weiß, als er zugibt. Bekannte Athleten fordern, dass die Verbände reinen Tisch machen. Sie sagen, dass sie von den Vertretern enttäuscht sind und kein Vertrauen mehr in sie haben.

Spannend sind dabei die Reaktionen vieler Verbandsvertreter, national wie international. Sie erinnern mich in vielen Teilen an die Reaktionen der Beteiligten in Belangen rund um die NSA-Affäre. Da wird abgewiegelt, da werden Journalisten beschuldigt, mit ihren Veröffentlichungen eine Agenda zu verfolgen und dem Staat, respektive dem Sport zu schaden. Zwischen den Zeilen ist eine Geisteshaltung zu erkennen, der zufolge es ein Unding ist, wenn Journalisten (oder Wissenschaftler einer Uni) Interna nach Außen tragen und bestimmen, was von öffentlichem Interesse ist. Eine Geisteshaltung, der zufolge Journalisten nur zur Weiterverbreitung von vom Verband bzw. vom Staat gelieferten Geschichten dienen, nicht aber dazu, Fragen zu stellen und eigene Geschichten zu erzählen.

Dies deutet eklatant darauf hin, dass diese Menschen kritischen Journalismus gar nicht gewohnt sind. Das Thema Doping, aber auch andere Betrugsfälle in Verbänden, zeigen dabei, dass dies direkte Konsequenzen hat. Denn wo Akteure bei Fehlverhalten die Öffentlichkeit und die Aufklärung durch Journalisten nicht fürchten müssen, ist der Schritt zum Betrug viel schneller gemacht. Strukturen, in denen die internen Kontrollmechanismen, etwa durch die nationalen Dopingagenturen, ausgehebelt sind, müssen durch eine weitere kritische Instanz von außen, den Journalismus, kontrolliert werden. Das ist die berühmte „Vierte Gewalt“. Sie braucht es auch im Sport. Es geht hier nämlich nicht nur um Unterhaltung, sondern um die Gesundheit vieler Akteure und um die Träume vieler junger Menschen, die womöglich sonst zerstört werden. Es geht nicht selten um viel Geld und im Kern um Gerechtigkeit.

Sportjournalismus ist mehr Unterhaltung als Journalismus

Es braucht kritischen Sportjournalismus jetzt, um vorhandene Missstände aufzudecken. Und es braucht ihn grundsätzlich als Präventiv, das wie einer Art Drohkulisse Menschen davon abhält, zu betrügen, weil sie damit rechnen müssen, enttarnt zu werden. Doch diesen kritischen Sportjournalismus gibt es kaum. Kein Leichtathletik-Journalist deckte die Doping-Problematik auf. Dafür brauchte es einen kritischen Außenstehenden, der nach Kritik an der Berichterstattung im Schwimmen erst zum Doping-Experten der ARD wurde. Auf einen kritischen FIFA-Journalisten kommen duzende, wenn nicht gar hunderte, die regelmäßig unkritisch über den Weltfußball berichten und „keine Zeit“ für hintergründige Stücke haben.

Viele Sportberichterstatter sind eher Fans als Journalisten und profitieren persönlich vom Erfolg der Objekte der Berichterstattung, wenn sie auf Trainingslager oder Wettkämpfe mitreisen, teilweise gemeinsam mit den Sportlern. Im TV sind die Moderatoren und Kommentatoren oft eher Entertainer als Journalisten. Und Experten sind nicht selten ehemalige Sportler, deren Vergangenheit teilweise unklar ist. Und wenn ein Franz Beckenbauer im TV sagt, er habe natürlich „Vitaminspritzen“ bekommen oder ein Mehmet Scholl widerspruchslos behaupten kann, Doping im Fußball würde nichts bringen, sind diese Akteure als Journalisten in meinen Augen nicht zu gebrauchen.

Hinzu kommt, dass der Sportjournalismus, sobald das Thema unterklassig oder auch nur im geringsten Maße Abseits des Mainstreams ist, oft den Vereinen und Verbänden vollkommen selbst überlassen wird. Es gibt in der deutschen Leichtathletik zum Beispiel defakto keine unabhängige Publikation im Internet. Sieht man einmal von einigen Laufportalen ab, die häufig von Product Placement durchsetzt sind, ist die zentrale Anlaufstelle leichtathletik.de. Diese Seite gehört dem Deutschen Leichtathletik-Verband. Dass hier verbandkritische Berichterstattung stattfinden wird, darauf wird man lange warten dürfen. In anderen Sportarten ist es ganz genauso. Selbst die großen Sportportale beschäftigten sich mit einem Großteil der Sportarten beinah nie und wenn, übernehmen sie Pressemitteilungen. In Mannschaftssportarten werden im unterklassigen Bereich sogar Spielberichte oftmals den Pressestellen der Vereine überlassen. Und bei den großen Vereinen setzt sich unvermindert der Trend durch, dass die Clubs ihr Medienangebot selbst schaffen.

Damit passiert auch im Sport, was bereits im Lokalen geschieht: Es wird kaputt gespart. Es gibt in Deutschland Sportberichterstattung, aber kaum Sportjournalismus. Die Konsequenz ist, dass die nötige gesellschaftliche Kontrolle fehlt. Die aktuellen Doping-Berichte zeigen, dass die Folgen daraus keine Kleinigkeiten sind. Wir sollten sie zum Anlass nehmen, etwas zu verändern. Nicht nur in den Verbänden, sondern auch im Journalismus!

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Man muss sich nur mal kurz vorstellen, Wirtschaftsjournalisten hätten zu den Unternehmen, über die sie schreiben, eine derartige Nähe wie Sportjournalisten zu den Sportlern. Mein Gott, ginge da ein Aufschrei durch die Nation. Im Sportbereich aber scheint das kein Thema zu sein.

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