Irak, Gaza, Ukraine – Das Zittern bei jeder Eil

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber mir bereitet die ganze Nachrichtenlage zurzeit Sorgen. Sorgen, wie ich sie in meinen zugegeben nicht einmal dreißig Lebensjahren bislang nicht wirklich kannte. Gut, früher gab es keine Smartphones, aber ich kann mir nicht vorstellen, früher vom Joggen heimzukommen, auf mein Handy zu blicken und erst einmal in Sorge zu verfallen, weil drei neue Eilmeldungen da sind und dann erleichtert zu sein, weil „nur“ Peter Scholl-Latour gestorben ist und nicht wieder irgendwer auf irgendwen geschossen hat.

Ich bin wie die meisten meiner Generation quasi mit dem 11. September groß geworden. Terroranschläge sind für uns tragisch, aber irgendwie haben wir gelernt damit umzugehen, wenn in London, Madrid oder sonstwo eine Bombe hochgeht. Wir sind uns der Gefahr bewusst, wenn wir in ein Fußballstadion gehen oder eine Flugreise machen. Wir trotzen ihr bewusst. Wir haben Afghanistan noch irgendwie verstanden, den Irakkrieg nicht gut geheißen und lernten ohnmächtig mitanzuschauen, wie niemand diesen Krieg offenbar verhindern konnte. Wir hofften, dass dies irgendwann anders sein würde. Obama und der Einfluss, den Soziale Medien in verschiedenen Protesten, in Iran, Fernost und dem Arabischen Frühling hatten, gaben uns Hoffnung.

Und jetzt das: Wir lernen, dass sich unsere Regierungen gegenseitig belauschen (welch Überraschung, auch der BND betreibt „Ausspähen unter Freunden“). Mehr noch: Sie kontrollieren auch mehr oder weniger nach dem Gießkannen-Prinzip jeden und das ausgerechnet mit den Sozialen Medien. Selbst wenn man davon ausgehen würde, dies werde nur gegen Terroristen eingesetzt, muss man doch feststellen, dass wer Terrorist ist und wer nicht, eine simple Definitionsfrage ist, die von heute auf Morgen anders beantwortet werden kann.

Das sehen wir besonders im Irak und der Ukraine. Auch das macht Angst: zu sehen, wie tendenziös alle Medien, auch unsere berichten. Wenn wir eine „Top Gun Ministerin“ haben (Bild). Oder wenn sich über Monate hinweg eine Neuausrichtung der Außenpolitik bemerkbar macht, die kaum kritisiert wird. Beginnend mit einem Bundespräsidenten, der mehr Engagement fordert über ähnliche Äußerungen aus der Regierung bis hin zu den Äußerungen im nun existenten Ernstfall, wo sogar Gregor Gysi plötzlich Waffenlieferungen befürwortet. Ich will nicht sagen, dass ich zwingend dagegen bin, aber ich will verdammt nochmal, dass zumindest eine demokratische Partei im Parlament und ein großes Medium klar dagegen sind!

Mittlerweile ist es so, dass irgendwo jemand eine „Möglichkeit“ äußert, diese wenig später von jemand anderen wiederholt wird und kurz darauf zur Gewissheit wird. Merkelstyle at is best: Erst wird ein Randpolitiker vorgeschickt, die allgemeine Stimmung abgetastet und dann wagen sich die Fachminister vor. Und das nicht nur in Deutschland, auch auf internationalem Parket gilt das.

Und das ist dann auch der große Unterschied zum Irak-Krieg damals und das, was mir so Sorge bereitet. Damals gab es klare Akteure und klare – wenn auch vielleicht zu einfach gedachte – Alternativen (Krieg einfach nicht führen). Heute wirkt es so, als seien alles nur noch Reaktionen auf Reaktionen, Dominosteine, „alternativlos“. Eine Verschnaufpause gibt es auch nicht. Und auf einmal schicken wir Waffen an nicht demokratisch legitimierte Milizen, unterstützen Leute, die unter zweifelhaften Begebenheiten an die Macht gekommen sind und was Russland tut, verstehen wir schon lange nicht mehr. Die Weltmacht(!) China hat auch eine Position zu all dem, bestimmt. Doch welche, weiß ich nicht.

Es ist wieder Ohnmacht, aber sie ist nicht mehr räumlich beschränkt und ihre Konsequenzen sind nicht mehr absehbar. Ich und viele mit denen ich zu tun habe, haben erstmals das Gefühl, dass sie ihre(!) Zukunft womöglich nicht mehr selbst in der Hand haben. Wir waren es gewohnt, unser Leben zu planen und gingen davon aus, dass wir Job, Familie und alles weitere in einem Umfeld formen können, wie es nun ist. Doch plötzlich scheint es realistisch, dass die äußeren Umstände uns einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen könnten. Ja, wir können nicht mal mehr einen Urlaub im kommenden Jahr planen, weil es die Flüge ins Urlaubsziel nächstes Jahr womöglich gar nicht mehr gibt. Ich will das nicht. Wir wollen das nicht. Lasst unsere Zukunft in Ruhe. Lasst einander in Ruhe.

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