Datenvisualisierung ist noch lange kein Datenjournalismus

Gestern veröffentlichte das Statistisches Bundesamt die diesjährige Todesursachenstatistik. Darin enthalten sind auch die Daten zu drogenbedingten Sterbefällen. Darunter fallen laut Definition (Indikator 14 der ECHI shortlist) Sterbefälle, die kurz nach dem Konsum illegaler Drogen unter direktem Zusammenhang eintreten. Nicht gemeint sind demnach zum Beispiel Personen, die unter Drogeneinfluss einen Verkehrsunfall haben. Auch Tode durch legale Drogen – wie Alkohol – fallen nicht in die Statistik.

Für ein Statista-Infobild für Zeit.de habe ich mich mit den Daten auseinander gesetzt. Doch in den Daten stecken deutlich mehr Geschichten, als ein statisches Bild sie auszudrücken weiß. Das zeigt in meinen Augen einmal mehr, warum sich (Online)-Redaktionen intensiver mit Datenjournalismus und interaktiver Datenvisualisierung auseinander setzen sollten – und das auch abseits der großen „Leuchtturm-Projekte“, mit denen die Grimme Online Awards gewonnen werden. Bereits kostenlose Tools bieten hier einen Mehrwert zu einer an strenge Styleguide gebundenen, statischen Illustration.

Ich habe einige der interessantesten Datensätze aus der Statistik in Datawrapper eingepflegt. Im Ergebnis kann man hier zum Beispiel das Jahr oder die Bevölkerungsgruppe in einem Dropdown auswählen, die Grafik ordnet die Bundesländer automatisch an. So kann der Leser sofort sehen, wie zum Beispiel Berlin vom hohen Wert 2002 bei den Daten zu 2012 nach unten – also in den Bereich von weniger Drogentoten – rutscht. Vor allem aber bietet sich dem Leser die Möglichkeit, sich aktiv mit den Daten zu beschäftigen. Auf gleichen Raum können zudem viel mehr Informationen untergebracht werden, weil mehrere Datensätze als Auswahl angezeigt werden können und konkrete Werte auch nur bei Mouseover.

Hier einige Punkte aus den Daten, die besonders herausstechen, und die in meinen Augen alle eine eigene Geschichte wert sein könnten, wenn eine Redaktion als Team mit weiterer Recherche den Gründen auf die Spur geht:

  • die Zahl der männlichen Opfer ist fast immer deutlich höher, als die der weiblichen (Deutschland: 2,10 zu 0,61), in einigen Bundesländern ist dieser Split besonders hoch (z.B. Bremen: 5,57 zu 0,89), in einigen wenigen aber auch andersherum (Mecklenburg-Vorpommern: 0,25 zu 0,36)
  • 2002 war der Wert bei den 15-40 Jährigen noch durchgängig höher, als bei der Gesamtbevölkerung. 2012 ist dies nicht mehr in allen Bundesländern der Fall, vor allen nicht in den Stadtstaaten
  • bei den 15-40 Jährigen gibt es statistisch die meisten Fälle, wo zumindest ich sie nicht erwartet hätte: in Bayern. In der Kategorie männlich, 15-40 liegt der Wert in Bayern bei 6,31, was der höchste in der 2012er-Statistik ist. Tendenziell ist der deutsche Drogentote also unter 40 und wohnt in Bayern
  • in den neuen Bundesländern sind die Zahlen der drogenbedingten Sterbefälle deutlich niedriger als im Westen
  • auffällig ist zudem, wie bereits erwähnt, wie stark der Wert in Berlin seit 2002 abgenommen hat

Investiert man noch mehr Zeit in ein wenig Programmier-Arbeit, könnten die entsprechenden Datensätze womöglich sogar ein nettes Mini-Dossier hergeben, mit einer Matrix-Infografik, die sich nicht nur nach Jahren und Altergruppen sortieren lässt, sondern auch zu einem Bundesland alle Daten anzeigt oder in einer weiteren Option die Werte über die Jahre als Verlauf. Dieses Tool ließe sich dann zu jeder der Geschichten zum Thema (oben erwähnte ich ja bereits Ansätze) einbinden. Die grafische Aufbereitung hilft intern zudem zuvor schon, mögliche Geschichten zu erkennen, die in den reinen Zahlenreihen einer Excel-Datei vielleicht verborgen bleiben.

Der Alltag in Redaktionen sieht leider oft noch immer anders aus. Egal ob Arbeitslosenstatistiken, Exportdaten oder Sterbestatistiken: Wenn überhaupt werden die aktuellsten Daten als Diagramm dargestellt, vielleicht findet noch ein Vergleich zum Vorjahr statt. Datenjournalismus ist das nicht, sondern Datenvisualisierung. Es wird Zeit, das zu ändern.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Volle Zustimmung. Ich sehe oft große „Datenjournalismus-Projekte“, die sich aber auf ein paar bunte interaktive Grafiken beschränken. Der „-journalismus“ im „Datenjournalismus“ heißt für mich aber vor allem: Die Daten führen zur Geschichte. Und die muss erzählt werden,nicht nur mit Balken und Torten. Sondern mit Menschen.

  2. Pingback: Datenvisualisierung ist noch lange kein Datenjournalismus | Carta

  3. Guter, wichtiger Hinweis dein Artikel. Zeigt auch schön, was Datawrapper inzwischen kann.
    Bitte noch korrigieren:
    Du schreibst: “In den alten Bundesländern sind die Zahlen der drogenbedingten Sterbefälle deutlich niedriger als im Westen”.
    Das muss entweder “neue Bundesländer” und Westen heißen, oder “alte Bundesländer” und Osten.

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