„Und wie finanziert ihr das?“ – Gedanken zum ersten Tag der Netzwerk Recherche Konferenz

Heute am Freitag war ich hier in Hamburg auf der Jahreskonferenz des Netzwerk Recherche. Dabei hörte ich unter anderem einen leidenschaftlichen Vortrag von Armin Wolf, der erklärte, warum Journalist noch immer ein Traumberuf sei: Weil man die Chance habe, dabei zu sein, wenn Geschichte geschrieben werde, wie er 1989 in Prag. „This is history in the making“, heißt der entsprechende Satz bei Al Jazeera, der das gleiche ausdrückt. Aber es müsse nicht immer die große Bühne der Weltpolitik sein, sondern könne auch eine andere Geschichte sein, die die Leser, Zuhörer oder Zuschauer bewegt. Wir als Journalisten sind dabei, können Menschen begeistern, Geschichten erzählen, so Wolf. Er sprach mir aus der Seele.

Zu den kleinen Dingen, die Leser mitunter in großem Ausmaß bewegen, gehören Dinge, die direkt vor der Haustür passieren: „hyperlokal“ – ein Wort dass ich übrigens noch immer scheußlich, weil falsch, finde. Beim Pannel über hyperlokale Online-Nachrichten, bzw. im Anschluss daran, sprach ich mit zwei jungen Frauen, die hier in Hamburg eben solche Angebote gegründet haben und betreuen (Eimsbütteler Nachrichten und Wilhelmsburg Online). Damit erhöht sich die Zahl derer, die ich hier kenne, zusammen mit Isabella David von HH-Mittendrin bereits auf drei (warum sind es eigentlich so häufig Frauen, die hier den Mut und das Engagement zeigen?).

Ich hoffe, dass ein Dialog zwischen uns und unseren Angeboten entstehen und gepflegt werden wird, weil ich glaube, dass wir uns sehr gut ergänzen können. Wie ihr vermutlich wisst, betreibe ich mit einigen Mitstreitern seit einiger Zeit mit Elbmelancholie ebenfalls ein Lokal-Angebot zu Hamburg im Web, auch wenn wir nicht hyperlokal (schon wieder dieses Wort), sondern stadtweit, mit einem sehr eigenen Ansatz, berichten.

Wenn man sich hier und da unter die Arme greif, aufeinander verweist und vielleicht gelegentlich auch etwas gemeinsam macht, kann etwas Tolles entstehen. Es ist, wenn man für einen Moment inne hält und sich das vor Augen führt, eigentlich richtig stark, was hier von vielen geleistet wird, meist neben dem eigentlichen (bezahlten) Job. Es ist richtig stark, welcher Mut und welches Engagement in all diesen Projekten steckt. Von Lesern bekommt man dafür meist auch viel Lob und Anerkennung. Auf Konferenzen wie der heutigen dauert es aber meist nur wenige Minuten, bis das erste Mal aus dem Publikum gefragt wird: „Und wie finanziert ihr euch?“ oder: „Wie wollt ihr damit Geld verdienen?“

Das ist ernüchternd. Und noch ernüchternder ist es, dass darauf tatsächlich meist eine Antwort erwartet wird. Klar: Die meisten von uns haben Ideen und Ansätze. Versprechen, dass diese erfolgreich sein werden, können wir aber nicht. Hilfreich wäre stets Unterstützung und Vertrauen. Lest uns, empfehlt uns, sprecht und schreibt über uns! Die Reaktion vieler Fragesteller und Zuhörer ist es aber, so kommt es zumindest mir häufig vor, dass das gesamte Projekt abgewertet wird. „Mag zwar journalistisch gut sein, aber wird eh nichts, weil die Nachwuchsjournalisten da blauäugig dran gehen“, so das Motto.

Hallo? Warum sollen wir mit Mitte Zwanzig Probleme lösen können, für die die Herren Verlagsbosse bekanntlich auch nicht so wirklich eine Antwort haben? Die gleichen Leute, die beklagen, in der Ausbildung junger Journalisten würde nicht genug Handwerk gelehrt – das ganze „moderne Zeug“ wie mobile publishing, social media, Bildbearbeitung und Videoschnitt ist ja nur Schnickschnack – erwarten, dass wir neben Super-Journalisten mit super Fachwissen auch noch Super-Ökonomen sind? In welcher Ausbildung wird das gelehrt? Konkret: In welcher Ausbildung lernt man, im Jahr 2013 mit Journalismus viel Geld zu erwirtschaften? Und warum haben die Verleger diese Ausbildung nicht besucht?

Nein – eigentlich ist es eine Frechheit, dass die Frage der Finanzierung immer wieder uns gestellt wird. Sie ist nämlich eigentlich schlichtweg nicht unser Job. Eigentlich. Aber vielleicht sollte man es auch positiv sehen: Uns wird die Frage gestellt, weil man in uns noch Hoffnung auf Antworten setzt. Denn ohne uns gäbe es Projekte wie Elbmelancholie, die Eimsbütteler Nachrichten oder Wilhelmsburg Online nicht.

Das in etwa ist es auch, dass Cordt Schnibben in seiner Keynote ansprach als er sagte: „Wenn wir Journalisten uns nicht um den Job der Verleger kümmern, ist unsere Zukunft abzusehen.“ Dann kämen nämlich nur weitere drastische Sparrunden auf uns zu. Davon kann ich gerade ja ein Lied singen. In diesem Sinne muss man sagen: Ja, es ist eine Frechheit, dass wir diesen Job machen müssen. Wir machen ihn aber dennoch. Und sind hoffentlich einmal mehr dabei, wenn Geschichte geschrieben wird.

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